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BIOGRAPHIE
1993/94
Der aus dem Badischen nach Hamburg gezogene Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow lernt an der Uni die Punk-Musiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) kennen. Sie gründen die Band Tocotronic, benannt nach einem Gameboy-Vorläufer, und geben schon bald ihr erstes Konzert in einem Eimsbütteler Proberaum-Bunker. Dort nehmen Tocotronic auch im kompromißlosen Zweispur-Verfahren (vulgo: Kassettenrekorder) ihre Debütsingle auf, veröffentlicht als Seven-Inch auf dem eigenen Label ROCK-O-TRONIC records. Die Hamburger Musikszene wird schnell aufmerksam auf diese Newcomer, die zwischen Punk und Grunge, Wut und Melancholie einen ganz eigenen Sound haben. Hauswand-taugliche Slogans in deutscher Sprache, ein Slacker-Stil aus Trainingsjacken und engen Werbe-T-Shirts, sowie vorbildliche Höflichkeit auf der Bühne steigern die Begeisterung. Blumfeld nehmen Tocotronic mit auf Tour, und das Plattenlabel L’Age D’Or möchte ein Album.
1995/96
Zwei, drei Tage Aufnehmen, zwei Tage Mischen im Hamburger Soundgarden-Studio – und fertig ist das Album: „Digital ist besser“ erscheint im Februar 1995, einzigartig von der Polaroid-Optik des Covers über den rauen Klang bis zu den Songs natürlich, darunter welche wie „Drüben auf dem Hügel“, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ oder „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, die längst zu Klassikern der Popmusik in Deutschland geworden sind – und so fehlt „Digital ist besser“ heute in kaum einer der einschlägigen Bestenlisten.
Tocotronic ruhen sich nicht aus auf den Lorbeeren für ihr Debütalbum, sondern führen das Prinzip „Platten machen wie Tagebuch schreiben“ ein und veröffentlichen schon im Sommer 1995 die Mini-LP „Nach der verlorenen zeit“ mit den schwer umstrittenen Songs „Ich bin neu in der Hamburger Schule“, „Es ist einfach Rockmusik“ und „Michael Ende, Du hast mein Leben zerstört“. Und nur ein Jahr nach den Aufnahmen zu „Digital ist besser“ sind Tocotronic schon wieder im Studio, nehmen das Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ auf und haben damit innerhalb von zwölf Monaten 43 Lieder auf Band gebracht. „Wir kommen um uns zu beschweren“ erscheint im April 1996 in Zusammenarbeit mit Motor Music und ist die erste Tocotronic-Platte in den Charts, auch das Video zu der punkpoppigen Entfremdungshymne „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ ist öfters auf den Musikkanälen zu sehen. Einer davon, Viva, meint es gut und will zur Popkomm 1996 einen Award verleihen, doch Tocotronic lehnen den Preis in der Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben“ ab mit der Begründung, weder Jugend noch Nationalität seien ein Grund zum Stolz.
1997/98
Das in Frankreich mit Produzent Hans Platzgumer aufgenommene Album „Es ist egal, aber“ erscheint im Juli 1997. Es ist Höhe- und Endpunkt der ersten Phase des tocotronischen Schaffens. Einerseits zählen Lieder wie der Foucault-inspirierte Protestsong „Sie wollen uns erzählen“ oder das herbstliche „Dieses Jahr“ zu den Höhepunkten im Werk, andererseits spüren Tocotronic, dass sie sich an der Schwelle zur Selbstwiederholung befinden.
Lieder, die von der Band als Ausdruck verschrobener Privatstyles empfunden wurden, wurden vom Publikum als Identifikationsfolie genommen, als Ausdruck eines Lebensgefühls einer Generation gar – von außen betrachtet kann eine Popband kaum mehr erreichen, doch für eine Band, die sich so oft Verweigerung auf die Fahnen geschrieben hatte, ist es eine schwierige Situation. „Das war eine Zeit, in der wir als Band auf der Kippe standen“, sagen sie im Nachhinein, krasser noch: „Man denkt sich: Ich bin nicht euer Seitenscheitel-Trainingsjacken-Typ auf Lebenszeit“. Fern von allen Vereinnahmungssorgen touren Tocotronic 1998 mit der befreundeten Band Fuck durch die USA und ziehen sich im Herbst für vier Wochen nach Frankreich ins Studio zurück.
1999-2001
Das Ergebnis des längeren Nachdenkens und Aufnehmens ist das Album „K.O.O.K.“, im Juni 1999 durch die etwas irreführende Zitat-Rocksingle „Let There Be Rock“ angekündigt. „K.O.O.K.“ ist ein ziemlicher Brocken, die Songs dürfen ausfasern, lange Gitarrenschleifen treffen auf Texte, die bildhafter und verrätselter als bisher gestaltet sind. Tocotronic haben damit begonnen, sich neu zu erfinden.
Das gewachsene Interesse der Tocotronic-Bandmitglieder an elektronischer Musik führt zu der Idee, eine Remixplatte zu „K.O.O.K.“ nachzuliefern, „K.O.O.K. Variationen“, die im Juli 2000 erscheint und mit „Freiburg Version 3.0“ von Console einen echten Hit umfasst. Ab Mitte 2000 gehen Tocotronic in Tobias Levins Studio Electric Avenue ein und aus – für anderthalb Jahre, wie sich zeigen wird. Bei den vereinzelten Liveauftritten ist als Keyboarder und zweiter Gitarrist nun Rick McPhail dabei – die ausgefeilteren Arrangements von „K.O.O.K.“ ließen sich in Triobesetzung nicht mehr angemessen spielen.
2002-2004
Die anderthalb Jahre in Tobias Levins Studio, in „workshop-artiger Situation“, haben sich gelohnt, wie das 2002 erscheinende Album „Tocotronic“ zeigt. Ganz in weiß gehalten, verlässt es die Soundästhetik des Indie-Rock und klingt nach großem Pop-Entwurf. Dirks Texte speisen sich aus einer ganz eigenen Metaphorik aus Fantasy, Märchen, Politischem und ganz einfachen Worten. „Tocotronic“ erschließt der Band Hörerkreise, die mit den charmanten Dilettanten von einst nichts hätten anfangen mögen.
Im Frühjahr 2004 erscheint zum zehnjährigen Bandbestehen die DVD/CD „10th Anniversary“ mit B-Seiten, Raritäten, Musikvideos und seltenen Filmdokumenten.
2004-2006
2004 nehmen Tocotronic in nur neun Tagen im Berliner Mamasweed-Studio mit Moses Schneider als Produzenten das Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ auf, das im Januar 2005 bei L’Age D’Or erscheint. Bei den Aufnahmen ist erstmals als volles Bandmitglied und zweiter Gitarrist Rick McPhail beteiligt. „Pure Vernunft darf niemals siegen“ wird von der Band als das „Dogma-Album“ bezeichnet, weil es in ganz trockenem Sound überwiegend live eingespielt wurde – ganz im Gegensatz zur Opulenz des „weißen Albums“. Die Texte sind poetischer denn je, die Regeln der Physik und des gesunden Menschenverstands werden lustvoll gebrochen.
Nach ausgiebiger Tournee im Frühjahr und Herbst, sowie Festivalauftritten im Sommer erscheint dann am 18. November 2005 „The Best Of Tocotronic“ mit 22 Stücken und als Limited Edition mit einer zusätzlichen CD voller Raritäten.
Das Jahr 2006 ist geprägt von den verschiedenen Nebenprojekten der Musiker: Dirk bringt ein drittes Phantom/Ghost-Album heraus, Jan ein zweites Das Bierbeben-Album. Auch Ricks Band Glacier veröffentlicht eine Platte, während ein fertig aufgenommenes Soloalbum von Arne in den Wirren um die drohende Insolvenz der Plattenfirma Lado aufgehalten wird. Die finanziellen Schwierigkeiten führen letztendlich dazu, dass sich Tocotronic und Lado trennen.
JETZT
Im neuen Jahr unterschreiben Tocotronic bei Universal Music. Dort erscheint am 6. Juli 2007 das achte Studioalbum namens „Kapitulation“. Aufgenommen wurde es, wie schon „Pure Vernunft“, zusammen mit dem Produzenten Moses Schneider in Berlin. Doch während es zuvor um einen möglichst trockenen Klang ging, wurde diesmal im Studio viel mit Raumklang gearbeitet, was hilft, dem Album einen Sound rockiger Größe zu verleihen. „Kapitulation“ klingt, als seien Tocotronic durch all die Jahre der Abgrenzung gegangen, um nun von einem anderen Stand aus frühere musikalische Aufgaben neu anzugehen. Wut und Erschöpfung sind Themen der Texte, den Titel bezeichnet Dirk auch als Gegenentwurf zu der Deutschland-Aufbruchstimmung, „als deutsche Band eine Platte ‚Kapitulation’ zu nennen, da hat man natürlich Hintergedanken.“
Neben den Sommerfestivals planen Tocotronic eine ausgedehnte Tour im Herbst. Schon im April erscheint im Kunstbuchverlag der Galerie Daniel Buchholz ein von Künstlern gestalteter Band mit Tocotronic-Songtexten von Dirk, „Dekade 1993-2007“. Und dann noch dies: Auf französischen Pferderennbahnen läuft gelegentlich ein irischer Hengst namens Tocotronic – seine Eltern hießen Imperial Ballet und Lasting Peace. Das ist schön und irgendwie auch passend!
Text: Felix Bayer

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